„Dagegen kann ein drahtloses Mikrofon nichts ausrichten“ - Interview mit Dipl. Ing. Norbert Hilbich von Sennheiser


27.01.2011; Leipzig

Norbert Hilbich - Sennheiser

Dipl. Ing. Norbert Hilbich

Die neue Mobilfunktechnologie LTE nutzt bekanntlich Frequenzbereiche der so genannten „digitalen Dividende“, welche nach Ende der analogen, terrestrischen TV-Ausstrahlung frei geworden sind. Bereiche aus dieser frei gewordenen „Lücke“ werden aber bereits für andere Funklösungen verwendet: Drahtlose Mikrofone und In-Ear Systeme (Kleine Funkkopfhörer). Welche Störungen sind zu erwarten? Wie reagieren die Hersteller solcher Systeme? Gibt es Entschädigungen für Kulturbetriebe und Medien, welche Funklösungen oft in großem Maße einsetzen? Wir sprachen mit Dipl. Ing. Norbert Hilbich, Head of Application Engineering von Sennheiser, einer der renommiertesten deutschen Hersteller von Mikrofonen, Kopfhörern und Informationssystemen.


LTE-Anbieter.info: Herr Hilbich, vorab schon einmal vielen Dank für das Interview. Zur Sache: Experten erwarten durch die großflächige Einführung von LTE massive Störungen auf Funk basierter Mikrofonsysteme, sehen Sie diese Gefahr auch?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Die Frequenzen, auf denen die meisten drahtlosen Mikrofonsysteme in Deutschland arbeiten, sind an die LTE-Anbieter versteigert worden. Bis Ende 2015 nutzen beide Parteien diese Frequenzen noch gemeinsam, und es wird dort im Laufe der Zeit natürlich zu wachsenden Störungen kommen. Sie können sich das wie den Zusammenstoß zweier Radiosender vorstellen: Wo vorher ein kleiner Sender zu hören war, zum Beispiel eine Band mit drahtlosen Mikrofonen gesungen hat, geht jetzt ein großer, neuer Sender an den Start und funkt Daten. Der kleine Sender wird sozusagen vom Äther katapultiert.

Musiker, Theater und andere Mikrofonnutzer fragen sich natürlich, ab wann die LTE-Sender so dicht funken werden, dass kein Platz mehr für sie bleibt. Momentan errichten die LTE-Anbieter Basisstationen für den Funkverkehr mit den Endnutzern. Dem Vernehmen nach, wird die Telekom in 2010 rund 600 und in 2011 um die 1.500 dieser Basisstationen errichten. Wir gehen davon aus, dass die beiden anderen Ersteigerer des Spektrums, Vodafone und O2, dem nicht nachstehen werden.

Dennoch wird es in den ersten Monaten des Jahres 2011 noch nicht zu nennenswerten Störungen für Mikrofonnutzer kommen. Es wird zwar Tests in einigen Regionen geben, aber die LTE-Endgeräte für Nutzer sind noch nicht in großen Mengen verfügbar. Diese Geräte werden wahrscheinlich um den März herum zur Verfügung stehen. Dann werden die Netze in Betrieb gehen und drahtlose Mikrofone stören. Da die drei Mobilfunkanbieter unterschiedliche Bereiche des Funkspektrums ersteigert haben, können Mikrofonnutzer noch Glück haben. Ihr Funkbereich könnte noch ungenutzt bleiben oder sie können auf einen ungenutzten Bereich ausweichen.

Die nachstehende Grafik erläutert die in Zukunft vom Mobilfunk belegten Bereiche:


Ab 2016 müssen die Nutzer drahtloser Mikrofone den Frequenzbereich ganz verlassen haben. Dafür können sie zum Beispiel ihre Geräte so umbauen lassen, dass sie auf den neu zugelassenen Bereich unterhalb von 790 MHz funken. Nachteil: Die Systeme müssen angemeldet werden und zwar kostenpflichtig. Das war im versteigerten Bereich nicht der Fall. Schade ist, dass die Bundesregierung und als verantwortliche Instanz das Bundeswirtschaftsministerium keinen längeren Zeitraum für einen geordneten Übergang geschaffen hat, ähnlich wie beim Übergang des analogen Fernsehen zu DVB-T.


LTE-Anbieter.info: Wie anfällig sind Sennheiser-Systeme für diese durch LTE verursachten Störungen?
Sennheiser Microfonsysteme
Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Störanfällig ist das falsche Wort. Eine Frequenz lässt sich an einem Ort nur einmal nutzen, da können nicht zwei Geräte operieren. Senden zwei Funksysteme auf derselben Frequenz, dann gewinnt stets der mit der stärkeren Sendeleistung. Das ist in unserem Fall der LTE-Sendemast mit geschätzten 800 Watt abgestrahlter Leistung. Dagegen kann ein drahtloses Mikrofon mit rund 30 Milliwatt Sendeleistung — also 1/26.000, ein Sechsundzwanzigtausendstel, der Sendeleistung des Masten — nichts ausrichten.






LTE-Anbieter.info: Wie kurzfristig kann Sennheiser Mikrofonsysteme zur Verfügung stellen, welche nicht störanfällig für LTE sind?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Mikrofonsysteme, die unterhalb der versteigerten Frequenzen funken, im Bereich 470 bis 790 MHz, gab es schon immer, sie wurden nur bisher im Wesentlichen für Rundfunk-, Film- und Videoproduktionen genutzt; teilweise auch von Theatern, Musicals, Operhäusern und Konferenzzentren, denn sie sind anmelde- und kostenpflichtig. 90% der Nutzer drahtloser Produktionsmittel sind daher im Spektrum oberhalb von 790 MHz angesiedelt, da dieses Spektrum kostenfrei nutzbar war und bis Ende 2015 auch ist.



LTE-Anbieter.info: Seit wann ist Sennheiser die Störproblematik bekannt?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: In der Vorbereitungsphase zur World Radio Conference 2007 (WRC 2007) wurde bekannt, dass der Bereich oberhalb von 790 MHz als Digitale Dividende identifiziert werden soll. Das daraus erwachsende Konfliktpotential in der Spektrumsnutzung wurde in einer Entschließung der DKE (Deutsche Kommission für Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnologie im DIN und VDE), in der sich Sennheiser für seine Kunden im Sinne einer störungsfreien Spektrumsnutzung engagiert, dem Bundeswirtschaftsministerium als deutschem Vertreter auf der WRC 2007 übergeben.

Konkret bekannt wurden die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums, den Bereich über 790 MHz umzuwidmen, mit der Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung vom 4.3.2009. Die Bundesnetzagentur stellte darauf den Frequenznutzungsplan auf, der Primär- und Sekundärnutzer für definierte Frequenzbereiche festlegt. Damit ist die offizielle Spektrumsnutzungsveränderung in Kraft getreten und publiziert worden — das war am 21.10.2009.



LTE-Anbieter.info: Das LTE eingeführt werden soll, ist schon lange bekannt. Warum wird erst jetzt „fünf vor zwölf“ reagiert?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Die Frage ist, was ist lange? Erst 2005 wurde der nun versteigerte Frequenzbereich von der Bundesnetzagentur als Hüterin des Spektrums den drahtlosen Mikrofonen zur Nutzung übergeben. Das geschah mit der Verfügung 91/2005, die ab dem 1.1.2006 gültig war. Solche Allgemeinverfügungen sind laut Bundesnetzagentur langfristig angelegt, auf zehn Jahre und mehr, damit die Nutzer langfristig planen können und sich auch die Gerätekosten amortisieren können.

Dass sich nun eine „fünf vor Zwölf“-Hektik breitmacht, liegt an den ehrgeizigen Zielen der Bundesregierung, das flache Land möglichst kurzfristig mit schnellem Internet zu erschließen. Aus diesem Grund gibt es praktisch keine Übergangsfristen. Bei dem Übergang von analogem terrestrischem Fernsehen zu digitalem Fernsehen, DVB-T, gab es lange Übergangsfristen, um den Zuschauern einen verträglichen Übergang zu ermöglichen.



LTE-Anbieter.info: Die Politik diskutiert einen einmaligen Zuschuss für Kulturbetriebe um neue Funkmikrofone anzuschaffen – eine gute Idee?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Das ist nicht nur eine gute Idee, sondern das war eine der Bedingungen, unter denen die Länder im Bundesrat Teile ihres Rundfunkspektrums an die Bundesregierung abgetreten haben und so der Regierung die Versteigerung überhaupt erst ermöglicht haben. Das ist im Bundesratsbeschluss, Drucksache 204/09 (Beschluss) festgehalten.

Der Bundesrat hatte die Brisanz der Situation erkannt und die Bundesregierung aufgefordert, den betroffenen „Vertriebenen“ gleichwertiges Ersatzspektrum zur Verfügung zu stellen, eine Lösung für die Störproblematik durch LTE zu finden und eine angemessene Entschädigungsregelung für die Neuanschaffung von Geräten zu schaffen. Leider ist keine (!) dieser Forderungen erfüllt worden. Daher hat der Bundesrat in seiner Sitzung vom 17.12.2010 eine Entschließung verabschiedet, die die Bundesregierung ermahnt, die genannten Forderungen zu erfüllen. Die Regierung hat 3.576.475.000 Euro durch die Versteigerung eingenommen, verweigert aber bislang die Entschädigung der Nutzer.

Dass es auch anders geht, zeigt England: Dort wird erst Ende 2012 nach der Olympiade umgestellt, weil man Einschränkungen in der Berichterstattung befürchtet, wenn der Frequenzbereich für drahtlose Mikrofone eingeschränkt wird. Dort gibt es ein gleichwertiges Ersatzspektrum bereits heute: Die Übergangszeit beträgt also drei Jahre, nicht ein knappes Jahr wie in Deutschland. Und auch die Entschädigung der betroffenen Nutzer ist geregelt: 55% des Neuwertes einer drahtlosen Strecke gibt es für die Anspruchsberechtigten — unabhängig vom Alter der drahtlosen Strecke; sie muss lediglich noch funktionieren. Wir können also viel von unseren Nachbarn lernen.



LTE-Anbieter.info: Sehen sie Sennheiser als Profiteur der Störproblematik? Schließlich werden mit einem Schlag tausende Neuanschaffungen notwenig.

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Nein, das trifft nicht zu. Alle Hersteller drahtloser Produktionsmittel haben sich zusammen mit den Nutzern über Jahre hinweg gegen die Versteigerung des Frequenzbandes gestemmt, um den Arbeitsbereich für ihre Produkte zu erhalten. Nun ist ein großer und wichtiger, weil gebührenfrei und anmeldefrei nutzbarer Bereich an die Telekommunikationsunternehmen versteigert worden. Das ist ein herber Verlust für Anwender und Hersteller von Drahtlostechnik gleichermaßen, denn alle drahtlosen Produktionsmittel müssen sich jetzt einen viel kleineren und kostenpflichtigen Frequenzbereich teilen, und große Events wie Sportübertragungen und Open-Air-Konzerte werden darunter zu leiden haben. Auch die Attraktivität von drahtlosen Systemen als rasch und einfach einsetzbare Audiolösung leidet.

Das Geld, das durch Neukäufe in die Kassen der Hersteller kommt, fließt in die Entwicklung von Systemen, die in höheren Frequenzbereichen funken, um den Frequenzverlust für die Nutzer wenigstens einigermaßen auszugleichen. Ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor sind außerdem die Gremienarbeit und die Information politischer Entscheidungsträger. Für unsere Nutzer müssen wir auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene dafür Sorge tragen, dass auch in Zukunft Frequenzbereiche zur Verfügung stehen, in denen störungsfreie Produktionen möglich sind und auf die auch kurzfristig zugegriffen werden kann, ohne vor dem Einschalten eines drahtlosen Mikrofons erst durch einen Wust an Anmeldeformalitäten gehen zu müssen. Dazu kommen Informationsveranstaltungen für die Nutzer von Drahtlostechnik, Anzeigenkampagnen und Internet-Informationen, um die Veränderungen bekannt zu geben und die nun notwendigen Anmeldeverfahren zu erklären.



LTE-Anbieter.info: Wird es in Zukunft durch die wachsende Anzahl von Funktechnologien immer schwieriger, Störungen zu vermeiden?

Dipl. Ing. Norbert Hilbich: Ich denke ja, denn das Spektrum wird enger. Alle Nutzer, die bislang im Bereich 790 – 862 MHz gearbeitet haben, müssen dieses Spektrum verlassen. Diese 72 MHz, knapp 20% des zur Verfügung stehenden Spektrums, sind damit unwiederbringlich verloren. Das Spektrum unterhalb von 790 MHz wird damit dichter belegt durch die Rundfunksender, die oberhalb von 790 gearbeitet haben, und all die drahtlosen Produktionsmittel, die ebenfalls verlagert werden müssen. Einzelne Drahtlosmikrofone werden immer noch eine Lücke finden können, und kleine Mehrkanalanlagen für Tagungen und Konferenzen bieten Tools an, um betriebssichere freie Lücken im Spektrum zu finden und zu nutzen.

Schwierig wird es für Großereignisse, die große Mehrkanalsysteme nutzen oder um die ein großer Medienrummel gemacht wird. Hier arbeiten eigens Frequenzkoordinatoren, um freie Frequenzen zu finden und den störungsfreien Betrieb von Musikshows, Theater, Musicals, Konferenzen, Interviews, Reportagen, aber auch von Konzerten, Sportveranstaltungen, VIP-Besuchen und Wahlberichterstattung zu ermöglichen. Ihre Arbeit wird deutlich schwieriger werden.


Weitere Faktoren, die künftig die Lage weiter verschärfen:

(1) die anstehende Umstellung von DVB-T auf DVB-T2, Standards, die nicht miteinander kompatibel sind. Das bedeutet, dass beide Standards für ein paar Jahre parallel betrieben werden müssen, damit die Nutzer terrestrischer TV-Programmausstrahlung die Möglichkeit bekommen, sich neue Technik zuzulegen. In dieser Zeit steht den drahtlosen Produktionsmitteln weniger Spektrum im Bereich 470 – 790 MHz zur Verfügung.

(2) die Nutzung drahtloser Produktionsmittel nimmt zu. Damit spart man erheblich an Aufbauzeit, denn das Kabelverlegen entfällt. Außerdem lassen sich viel leichter kurzfristige Veränderungen im Aufbau realisieren und der Künstler hat viel mehr Bewegungsfreiheit.

(3) Der Trend zu HD wird auch beim Ton nicht haltmachen. Wird die akustische Auflösung ähnlich gesteigert wie das beim Bild der Fall ist, belegen drahtlose Mikrofone mehr Spektrum als heute. Dieser technischen Weiterentwicklung ist noch keine Rechnung getragen worden, weder für Rundfunk und Fernsehen noch für drahtlose Produktionsmittel.

LTE-Anbieter.info: Vielen Dank für das äußerst informative Interview Herr Dipl. Ing. Norbert Hilbich.

Weiterführendes zum Thema

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Die Bilder wurden uns mit freundlicher Genehmigung von Sennheiser zur Verfügung gestellt - © Sennheiser



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