„Das war bekannt und es gab ausreichend Warnungen“

Interview mit dem Vorsitzenden des Fachverbands Rundfunk- und BreitbandKommunikation (FRK), Heinz-Peter Labonte


15.01.2013; Leipzig

Lars-Christian Weisswange, Vice President Device Westeuropa Huawei
Schon seit den ersten Willensbekundungen aus Politik und Mobilfunkwirtschaft, mit LTE einen neuen Mobilfunkstandard zu etablieren, gibt es Bedenken, LTE könnte massive Störungen bei drahtlosen Mikrofonsystemen und dem Kabelfernsehen hervorrufen. Über die potentiellen Probleme beim TV-Empfang, über die Macht der Mobilfunkbetreiber und die Ohnmacht der kleinen und mittelgroßen Kabelanbieter sprachen wir exklusiv mit Heinz-Peter Labonte. Er ist Vorsitzender des Fachverbands Rundfunk- und Breitbandkommunikation FRK, welcher derzeit 171 Mitglieder hat, die rund 2, 85 Mio. Kundenhaushalte oder 6,2 Mio. Zuschauer direkt erreichen.


LTE-Anbieter.info: Vielen Dank Herr Labonte, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Zum Thema: Kürzlich haben Sie gewarnt, LTE werde bei steigender Verbreitung zur größer werdenden Gefahr für den störungsfreien digitalen Kabelempfang. Als wie groß würden Sie dieses Problem einschätzen?

Heinz-Peter Labonte: Das Problem wird dann in größerem Maße deutlich und mit zunehmender Verbreitung der Femto-Zellen (A.d.R.: privat genutzte Funkzelle mit geringer räumlicher Ausbreitung) quantifizierbar, wenn LTE flächendeckend in Gebieten eingesetzt wird, in denen Kabelfernsehanlagen existieren. Denn mit den entsprechenden Geräten, z.B. die kürzlich von Vodafone angekündigten, kann jeder seine eigene kleine Basisstation haben, um zum Beispiel den inhouse-Empfang in seinem Hotel zu verbessern. Wenn dann die Sat-ZF-Anlage (A.d.R.: zentrale Satellitenempfangsanlage) nicht gut gebaut ist, kann es natürlich auch schon jetzt zu Wechselwirkungen kommen. Es entsteht aber nicht nur dadurch, sondern auch durch Normierungsmängel bei TV- Endgeräten sowie Verbindungskabeln und vor allem in der so genannten Netzebene 5, also den von Haus- beziehungsweise Wohnungsbesitzern und Mietern in der eigenen Wohnung selbst verlegten Anschlüssen.

Durch die Umkehrung der Beweislast von Störquellen des Mobilfunks auf die Kabelnetzbetreiber (KNB) und die Messpraxis der Bundesnetzagentur (BNetzA), ist der Boden bereitet für ein erhebliches Maß an bürokratischem Aufwand für Mieter und KNB. Letztere werden insbesondere für Fehler in der Netzebene 5 in Haftung genommen, obwohl diese nicht in ihrem Verantwortungsbereich erstellt wurde. Insofern wird auf die Wohnungsnutzer ein entsprechend erhöhter Aufwand für Dokumentation und Beweispflicht gegenüber der BNetzA zukommen, da die KNB nach unserer Kenntnis ihre Netze in den von ihnen betreuten Bereichen vorschriftsmäßig schirmen und dokumentieren. Daher ist ausreichend Potential für Streit der unterschiedlichen Marktteilnehmer und Behörden vorhanden.



LTE-Anbieter.info: Sind Ihnen konkrete Fälle bekannt oder sind die Störungen in Labortests entstanden?

Heinz-Peter Labonte: Ja. In der Praxis bestätigen sich die Laborversuche. Jedoch werden diese, uns bislang durch unsere Mitglieder bekannt gewordenen Störungsfälle, durch Einzelmaßnahmen und den entstandenen Aufwand entschädigenden Regelungen zwischen Verursacher und KNB geklärt. Zur Zeit werden deshalb diese nicht öffentlich beschrieben, weil die Verursacher schlicht den Präzedens-Charakter solcher Regelungen fürchten.


LTE-Anbieter.info: Sie sprechen von Gefahren durch „unzureichend störfeste Endgeräte“ – wo liegt der Fehler im System?

Heinz-Peter Labonte: In der erwarteten zunehmenden Verbreitung der bereits genannten Femto-Zellen, der Normierung der TV-Endgeräte und der unten geschilderten Entscheidungsfindungsprozesse.



LTE-Anbieter.info: Werden hier zugunsten mobilen Internetempfangs bestehende Systeme, wie der digitale Fernsehempfang, nachhaltig gefährdet?

Heinz-Peter Labonte: Ob nachhaltig gefährdet, vermag ich nicht zu sagen. Aber es entstehen erhebliche Aufwendungen zur Beseitigung der Störungen. Die Bundesländer sind gefordert, deutlich zu machen, ob sie ihre Priorität auf Mobilfunknutzung, für die der Bund hoheitlich zuständig ist, zulasten der in ihrer eigenen Zuständigkeit befindlichen Fernsehfrequenzen und des langfristig leistungsfähigeren, breitbandigen Festnetzanschlusses im Koaxial- oder Glasfaserkabel setzen wollen.

Darüber hinaus wird es erhebliche Auseinandersetzungen geben, wer die Kosten für diese Aufwendungen begleichen soll. Vermutlich werden diese, von einer Lobby politisch verursachten, Kosten mal wieder auf die Bürger und Konsumenten abgewälzt.



LTE-Anbieter.info: Warnungen, dass LTE für Störungen sorgen kann, wurden bereits öfter geäußert. Warum gibt es diese Probleme immer noch?

Heinz-Peter Labonte: Weil die Mobilfunklobby stärker ist als wir Mittelständler. So hat unser Verband, der Fachverband Rundfunk- und BreitbandKommunikation (FRK), keinen einzigen Vollzeitprofi als Lobbyisten in Berlin oder den Ländern, während die Deutsche Telekom mindestens eine Hundertschaft von Lobbyisten allein in Berlin beschäftigen soll. Darüber hinaus hat man den Eindruck, dass bei den politisch Verantwortlichen der Mittelstand nur zu Wahlzeiten verbal entdeckt, seine Sachkenntnis nicht gefragt und im übrigen nach dem Prinzip gehandelt wird: "Sachkenntnis trübt nur die notwendige Unbefangenheit, sich später auf mangelnde Sachkenntnis herausreden zu können".



LTE-Anbieter.info: Auf welcher Seite sehen Sie die Verantwortung – sind vor allem die Kabelanbieter oder die Mobilfunkunternehmen in der Pflicht?

Heinz-Peter Labonte: Dies ist durch die Beweislastumkehrung auf die KNB vom Gesetz- und Verordnungsgeber zulasten der KNB entschieden und ich sehe im Zusammenhang mit meiner Antwort auf die vorige Frage, für die KNB, auch wenn unser Partnerverband der großen KNB, die ANGA wenigstens einige wenige Vollzeitprofis zur Interessenvertretung beschäftigt, keinerlei Ansätze die Politik zu einer notwendigen Veränderung in Richtung Urheberprinzip zu bewegen.



LTE-Anbieter.info: Hat die Politik mit LTE eine Revolution gefördert, ohne die Folgen für bestehende Systeme zu bedenken?

Heinz-Peter Labonte: Nein, das war bekannt und es gab ausreichend Warnungen. Aber Politik handelt nach dem Prinzip "Thema besetzt", "demjenigen folgen, der am lautesten seine Interessen vorträgt und möglichst schon fertige Gesetzesentwürfe liefert" und reagiert traditionell erst, wenn der dann eintretende Protest, Wahlergebnisse zu beeinträchtigen droht.



LTE-Anbieter.info: Welche Fernsehzuschauer könnten ihrer Meinung nach betroffen sein?

Heinz-Peter Labonte: Vorrangig die rund 70% bundesdeutscher Haushalte, die einen Kabel- oder Sat ZF -Anschluss nutzen.


LTE-Anbieter.info: Haben Nutzer von Kabelreceivern die Möglichkeit, kostengünstige Maßnahmen zur Abschirmung zu treffen oder muss gleich ein neuer Receiver her?

Heinz-Peter Labonte: Dazu gibt es noch keine abschließende allgemeingültige Antwort.



LTE-Anbieter.info: Derzeit wird diskutiert, weitere Frequenzen im Bereich zwischen 694 und 790 MHz, der sogenannten „Digitale Dividende II“, für Mobilfunk freizugeben. Was wären die Folgen für die deutschen Kabelanbieter und –nutzer?

Heinz-Peter Labonte: Solange die oben geschilderten Fragen noch nicht beantwortet beziehungsweise Probleme nicht gelöst sind, wird eine solche Freigabe diese Probleme verschärfen und der Protest umso stärker werden.



LTE-Anbieter.info: Sehen Sie eine „friedliche Lösung“, von der möglichst viele Unternehmen und Bürger profitieren können, in Sicht?

Heinz-Peter Labonte: Es wird Sie nicht erstaunen, dass ich, dass wir als Betreiber breitbandiger Kupferaxial- und Glasfaserfestnetze dafür plädieren, möglichst alle Haushalte mittel- und langfristig über diese Festnetze, Satellitenlösungen oder vorhandene Mobillösungen zu versorgen, wobei die Optimierung der in Bundeszuständigkeit befindlichen Funkfrequenzen noch viel Spielraum gibt, bevor zulasten der Fernsehprogrammanbieter bei weiterer Erhöhung der Störpotentiale weitere Frequenzen an die "mobilen Rosinenpicker" vergeben werden.



LTE-Anbieter.info: Vielen Dank Herr Labonte für das sehr aufschlußreiche Gespräch.





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