Digitale Dividende 2: Neuer Ärger für Konzertveranstalter und Antennen-Fernseher


Wer Fernsehen kostenlos über die Hausantenne bezieht (DVB-T), sieht schwierigen Zeiten entgegen: Die Internationale Fernmeldeunion will die Frequenzen auf 700 Megahertz (Mhz) – in Europa meist zum kostenfreien Empfang von digitalem Fernsehen genutzt – ab 2015 für den Mobilfunk freigeben. Betroffen sind in Deutschland neben den DVB-T-Guckern auch Theater- oder Konzertveranstalter, deren drahtlose Mikrofonanlagen in der Regel in diesem Bereich funken. Die Telekom-Unternehmen dagegen könnten von dieser Freigabe gleich doppelt profitieren. Neue Mobilfunk-Frequenzen schaffen Platz für mehr mobile Datenübertragung. Aus DVB-T notgedrungen abwandernde Kunden kann man gebührenpflichtig über Fernsehkabel oder IP-TV versorgen.

Ab 2015 könnten die Mobilfunker in Europa zusätzlich zu den bestehenden Frequenzen auch den 700-Megahertz-Bereich von (694 bis 790 MHz) nutzen. Die Europäische Rundfunkunion – im Wesentlichen eine Interessensvertretung der öffentlich-rechtlichen europäischen Sender – sieht die europaweit meist kostenfreie terrestrische Ausstrahlung von digitalem Fernsehen in Gefahr. Jede Entscheidung über diese Frequenzen müsse bereits bestehende Rundfunkkanäle berücksichtigen, so die Rundfunkunion.

Update:
Am 19. Juni 2015 endete in Deutschland die 3. große Mobilfunkauktion seit dem Jahr 2000. Diesmal kamen insgesamt 270 MHz unter den Hammer, die für den weiteren LTE-Ausbau eingesetzt werden sollen. Darunter auch diverse Bänder bei 700 MHz. Vodafone, die Telekom und O2 ließen sich die neuen Nutzfrequenzen einiges kosten. Insgesamt gehen über die Erlöse 5,1 Milliarden Euro an den Bund, die zum Teil in den Breitbandausbau fließen sollen. Mehr dazu hier.


Betroffen wären in Deutschland von einer Freigabe auch die Betreiber drahtloser Mikrofone, die gerade die LTE-Frequenzen auf 800 Megahertz räumen. Ihnen wurden die Frequenzen von 710 bis 790 MHz zugeteilt, die ab 2015 die Mobilfunker für sich beanspruchen. Schon bei der Umstellung des Funkraums im 800-Megahertz-Bereich von Rundfunk, Fernsehen und drahtlosen Mikros auf LTE-Mobilfunk entstanden - so der Bundesrat - Kosten von mindestens 700 Millionen Euro. Mit dem schnellen LTE-Ausbau werden derzeit „die Nutzer von rund 700.000 Funkmikrofonen gezwungen, in einen anderen Frequenzbereich zu wechseln“, so sagte der Kölner Anwalt Helmut G. Bauer, dem Fachportal eventelevator.de. „Dazu müssen sie neue Geräte kaufen oder die alten umrüsten, soweit dies überhaupt möglich ist.“

Wie hoch die Kosten im Einzelfall sind, zeigen Beispiele aus der Provinz: Das E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg muss seine Anlage nur umrüsten, da kommt man mit 4000 Euro vergleichsweise billig davon. Im Staatstheater in Nürnberg werden Neuanschaffungen fällig, dort fallen schätzungsweise 85.000 Euro an. Im Internet kursieren Berichte betroffener Unternehmen, die rund 39.000 Euro – auch für solide Mittelständler eine ordentliche Summe – in neue Funkanlagen stecken mussten, vom Staat aber gerade mal 1200 Euro Entschädigung bekamen.

Denn neben Theatern oder Kirchen, die ihre Funkmikrofone nicht mehr nutzen können, müssen auch die meisten privaten Veranstalter wie Konzertveranstalter oder Event-Firmen umrüsten. Die „Association of Professional Wireless Production Technologies e. V. (Berufsverband für professionelle drahtlose Produktionstechnologie)“, ein Lobby-Verband der Betroffenen, schätzt, dass in Deutschland für Neuanschaffung von Funkmikrofonen rund 1,4 Milliarden Euro nötig sind. Der Bundesrat kommt mit 700 Millionen für die Umrüstung immerhin auf die Hälfe der Summe.

Der Kampf um Funkraum: Ein Blick in die Zukunft

Die Freigabe der 700-Megahertz-Frequenzen wird vor allen Dingen von afrikanischen und arabischen Ländern betrieben. Für sie macht der 700-Megahertz-Mobilfunk Sinn: Die Frequenzen in diesem niedrigen Bereich haben eine größere Reichweite als höhere Frequenzen und eignen sich zum kostengünstigen Aufbau in Ländern mit großen Flächen, die vergleichsweise dünn besiedelt sind. Und Funkraum wird auch in Afrika gebraucht: Hier sind Handys schon Teil des Alltags, sie ermöglichen Telefonieren selbst in abgelegenen Regionen und bieten Dienstleistungen unabhängig von anderer Infrastruktur. In Kenia beispielsweise wird das Handy in Ermangelung eines landesweiten Banken-Systems zum Mittel der Wahl für bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Die afrikanischen und arabischen Länder werden sich mit ihrer Forderung nach mehr Mobilfunkfrequenzen auf 700 Megahertz wohl durchsetzen. Sie werden unterstützt von den weltweit agierenden Telekommunikationskonzernen, die mit immer mehr mobilen Geräten wie Smartphones und Tablets immer mehr Platz im Funkraum für schnelle Datenübertragung brauchen.

In Deutschland werden Bundesregierung und Bundesrat über die Frequenzfreigabe für den Mobilfunk entscheiden. Schon jetzt zeichnen sich zwei Lager ab: Einerseits haben die Mobilfunk-Konzerne ein Interesse daran, die neuen Frequenzen zu ersteigern und Gewinn bringend zu vermarkten. Auf der anderen Seite stehen die Fernsehanstalten – die ihr Programm über per DVB-T vertreiben wollen – sowie die mittelständischen Konzert- und Eventveranstalter und die Theater, die den Funkraum für Drahtlos-Mikros nutzen.

Da entscheidet womöglich der Mammon: bei der Versteigerung der LTE-Frequenzen im 800-Megahertz-Bereich flossen rund 3,5 Milliarden Euro in die Staatskassen. Wenn Bundesregierung und Bundesrat wieder mal ein paar Milliarden brauchen, dann können sie die 700-Megahertz-Frequenzen anbieten. Die Kosten für die Umstellung werden – legt man die Erfahrung mit den LTE-Frequenzen zugrunde – wieder mindestens 700 Millionen Euro betragen. Doch die werden dann überwiegend von anderen getragen.

So werden die Frequenzen international verteilt

Welche Institution auf welchen Wellenlängen funken darf, ist international geregelt. Das ist sinnvoll, schließlich sollen die Frequenzen beispielsweise für Luftfahrt in einem Land nicht von den Amateurfunkern eines anderen Landes gestört werden. Deshalb wird für drei Weltregionen festgelegt, welche Wellenlängen von welchen Funktionen belegt werden. In die Region 1 gehören neben Europa und Afrika die Europa benachbarte asiatische Region (ohne Iran) sowie die Länder der ehemaligen Sowjetunion und der Mongolei.

Die Region 2 besteht aus Nord- und Südamerika, der Karibik, Grönland sowie Hawaii, zur Region 3 gehören schließlich Australien, Neuseeland, Ozeanien und die Länder Fernostasiens. Festgelegt wird die Internationale Frequenzordnung auf der Weltfunkkonferenz (englisch: World Radiocommunication Conference, kurz WRC), die von der Uno-Organisation Internationale Fernmeldeunion (englisch: International Telecommunication Union, kurz ITU) regelmäßig abgehalten wird. Die letzte Konferenz fand Anfang 2012 statt, die nächste Weltfunkkonferenz wird es im Jahr 2015 geben. Einen internationalen Überblick zu den verwendeten Frequenzen und Anbietern weltweit finden Sie hier.

Update November 2014

Die geplante Versteigerung von Bändern um 700 MHz (Digitale Dividende 2) nahm Ende 2014 nun konkret Gestalt an. Die Bundesnetzagentur will Anfang 2015 Nägel mit Köpfen machen und eine neue Versteigerung ansetzen. Das birgt allerdings wieder erhebliche Reibungspunkte - diesmal nicht mit Herstellern von Funkmikrofonen. Vielmehr steht DVB-T, in seiner jetzigen Form, frühzeitig vor dem Aus.


Im Juni 2015 schließlich endete die Versteigerung nach mehreren Wochen Bieterkampf. Mehr dazu finden Sie oben in diesem Artikel im "Update".

Bild Mikro: © dmitrydesigner - Fotolia.com


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